12 Tage Permakultur intensiv

– Hannah Uther – ww Freiwillige in Lilongwe August 2018-August 2019

„Und, was machst du für ein Jahr in Malawi?“ – „Ich arbeite in einem Permakulturgarten!“ – „Bitte, was für ein Garten?“

Permakultur, ein noch weitestgehend unbekannter Begriff. Bevor ich meine Reise nach Malawi antrat, hatte ich immer wieder Schwierigkeiten, zu erklären, was ich in meinem Freiwilligendienst in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, denn genau machen würde. Ich antwortete ausweichend, denn um ehrlich zu sein, selbst ich als studierte Umweltwissenschaftlerin hatte von diesem Begriff zwar gehört, wusste ungefähr was dahinter steckt, aber im Detail konnte ich keine Antwort geben. Permakultur – „permanent“ plus „agriculture“, eine persistente Landwirtschaft, die nachhaltig und resistent ist, Umwelt- und Klimaveränderungen durch ihre Naturverbundenheit standhalten kann und zu höchstem Maße im Einklang mit der Natur praktiziert wird.

Meine Einsatzstelle, das Kusamala Institute for Agriculture and Ecology, ist ein Permakulturinstitut, im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Permakultur. In einem Demonstrationsgarten in Lilongwe wird Permakultur erlebbar, in Projekten in verschiedenen „communities“ (Dorfgemeinschaften) in Mangochi, Dedza und Ntcheu in Malawi wird Permakultur als Strategie gegen die Unsicherheiten des Klimawandels angewandt und es werden immer wieder Kurse angeboten, in denen über Permakultur unterrichtet und gelernt wird.

Im November fand ein sogenannter Permakulturdesignkurs statt, ein 12-tägiger Kurs, während dem die Kunst des Permakulturdesigns erlernt wurde. Kunst? Ja, ich denke so kann man es nennen, denn es geht beim Permakulturdesign darum, einen Garten (oder allgemein eine Fläche) funktional, kreativ und ästhetisch zu gestalten und alle Ideen auf einer detaillierten Karte zu präsentieren. Zudem wurde während des Kurses ausführlich in die Prinzipien der Permakultur eingeführt, praktische Aktivitäten wie die Kompostherstellung und das Anlegen von Beeten lockerten den Kurs auf und ließen die Teilnehmer das Erlernte sofort umsetzen.

Ich hatte in meinen ersten Monaten am Kusamala schon einiges über Permakultur gelernt, doch der Kurs gab mir die Möglichkeit, mein Wissen nochmal stark zu erweitern und zu vertiefen und mich in besonderem Maße für die Arbeit in der Permakultur zu qualifizieren. So war auch ich Teil der 10-köpfigen Gruppe, die vom 12.-24. November 2018 am Kusamala den Permakulturdesignkurs absolvierte.

In den ersten Tagen lernten wir zunächst über die Grundlagen der Permakultur. Was steht hinter dem Begriff Permakultur? „Permanent agriculture“, eine dauerhafte Landwirtschaft im Einklang mit der Natur. Was sind die Ethiken der Permakultur? „Earth Care“ – der Schutz unserer Natur und Umwelt, „People Care“ – die Nächstenliebe und „Fair Share“ – die gerechte Ressourcenverteilung oder allgemein das gerechte Teilen der Menschen und der Natur untereinander. Dann ging es im Detail um die Handlungsprinzipien, die der Permakultur zugrunde liegen: Vom Beobachten und Lernen, darüber, das System im Großen und Ganzen aufzufassen, dabei keine Probleme, sondern immer nur Lösungen zu sehen, Diversität und Effizienz zu wertschätzen und zu fördern, bis hin zur Sicherstellung von Ernteerträgen und Energiegewinnung und dem Vermeiden von Abfällen und schlussendlich der Akzeptanz von Dynamiken und Veränderungen im System, auf die kreativ und durch Selbstregulation des Systems reagiert wird.

Und was bedeutet das in der Praxis? Das Anlegen eines Permakulturgartens in sogenannten „Zonen“, die ausführliche Planung, um unnötige Arbeit zu vermeiden, die Herstellung eines in sich geschlossenen Systems, welches keinen Abfall produziert, welches effizient im Einklang mit der Natur in Nachahmung der natürlichen Ökosysteme und Prozesse funktioniert.

Okay, und konkret? Ich habe mein Haus, dort wohne ich mit meiner Familie. Dies ist meine Zone 0, der Mittelpunkt meiner Planung, hier ist das Zentrum der Energie, alle Aktivitäten fokussieren sich auf und um das Leben der Menschen in diesem Haus.

Um das Haus herum bauen wir unsere Zone 1, den Hausgarten. Hier bauen wir Gemüse an, welches viel Pflege benötigt, welches jeden Tag geerntet werden kann, um die Familie zu versorgen. Dabei achten wir darauf, verschiedenes Gemüse zusammen anzupflanzen. Wir nennen es Mischkultur, wir kreieren sogenannte Pflanzen-Zünfte, die sich gegenseitig unterstützen. Dabei achten wir auf eine funktionale Vielfalt: wir brauchen Nahrung für uns selbst – Tomaten, Kartoffeln, Möhren, Petersilie, alles was das Herz begehrt; Nahrung für den Boden – stickstofffixierende Pflanzen wie Erbsen, Bohnen, Klee oder den Tephrosia-Baum, um den Stickstoff aus der Atmosphäre für die Pflanzen verfügbar zu machen und so die Düngung auf natürliche Weise zu verstärken. Dann brauchen wir Gräber – Pflanzen, die sich in die Erde bohren, wie Möhren oder Rote Beete, oder ganz einfach viele Regenwürmer; Kletterer und Unterstützer – Bohnen, die an unterstützenden Bäumen hochklettern; Bodenbedecker – besonders Kürbisblätter, die gerne den ganzen Boden bedecken und diesen so vor Austrocknung und Erosion schützen. Dann brauchen wir noch Pflanzen, die mögliche Schädlinge und Krankheiten fernhalten – Pflanzen mit starken Gerüchen, wie Zitronengras, Ringelblume, Zwiebel, Knoblauch, Chilli und einige mehr. Alle diese unterschiedlichen Funktionen versuchen wir bei der Auswahl unserer Pflanzen im Kopf zu behalten und vielfältige Beete zu schaffen, die zudem den verfügbaren Raum sowohl horizontal als auch vertikal ideal und effizient ausnutzen. Auch Hühner können in Zone 1 beheimatet sein, denn sie brauchen viel Fürsorge und legen uns im Gegenzug jeden Tag frische Eier und produzieren idealen Dünger für den Gemüsegarten. Um die Pflanzen zu bewässern, sammeln wir das Regenwasser vom Dach und leiten dies in die Beete. Die Küchenabfälle sammeln wir auf einem Komposthaufen und produzieren so neue Erde. Im Idealfall haben wir eine Komposttoilette, in der das Potential der menschlichen Fäkalien für die Düngung genutzt wird. Wie unser Permakulturlehrer immer so schön gesagt hat: „Wir sind alle ein großer Sack voll Dünger, warum nicht nutzen?“

Dann kommt die Zone 2, der sogenannte „Essbare Wald“. Hier integrieren wir neben einem Gemüsegarten einige Bäume, vorzugsweise Obstbäume, die uns neben ihrer schattenspendenden und kohlenstofffixierenden Funktion auch noch Obst und somit Nahrung liefern. Unter den Bäumen und Obstbäumen pflanzen wir, dem gleichen Mischkultursystem wie in Zone 1 folgend, weiteres Gemüse an, vor allem solche Pflanzen, die sich über den Schatten freuen und die gerne an den Baumstämmen hochklettern. Die Bäume halten zudem die Feuchtigkeit in Bodennähe und schützen vor starker Verdunstung und folgender Austrocknung des Bodens. Viele Bäume sind im Vergleich zum Gemüse resistenter was die Nutzung von Abwasser angeht. Wir leiten also das Abwasser aus Küche, Bad und Waschmaschine in unsere Zone 2, lassen es vorher durch einen Sandfilter oder je nach verfügbarer Fläche auch durch ein ausgeklügelteres Wasser-Recycling-System laufen. In Zone 2 können zwischen den Bäumen Bienenstöcke aufgestellt werden, die dem ganzen System durch ihre Bestäubungsfunktion große Vorteile bringen und uns zudem leckeren Honig liefern.

Dann folgt die Zone 3, das Feld, welches ausschließlich vom Regen bewässert wird. Hier in Malawi, wo Mais das einzige und alleinige Grundnahrungsmittel ist, wird auf diesem Feld Mais angebaut. Doch in der Permakultur spielt Diversität eine zentrale Rolle. So sollte das Feld nicht von schattenspendenden Bäumen befreit werden, im Idealfall wachsen zusammen mit dem Mais stickstofffixierende Bäume, wie Tephrosia, um Stickstoff aus der Luft für den Mais verfügbar zu machen, gleichzeitig spenden die Bäume Schatten und können als Stütze dienen. Auch ist es sinnvoll sich nicht nur auf die Maisernte zu verlassen. Was ist denn, wenn eine schlimme Krankheit alle Maispflanzen befällt und die gesamte Ernte vernichtet? Lieber zwischen den Mais auch noch Erdnüsse, Sojabohnen oder Hirse pflanzen um auf der sicheren Seite zu sein und Krankheiten vorzubeugen.

Nach der Zone 3 folgt die Zone 4, der bewirtschaftete Wald, den wir für Feuerholz oder zur Bauholz-Herstellung nutzen. In diesen Wald dürfen wir eingreifen, solange wir die Nachhaltigkeit der Bewirtschaftung gewährleisten. Bienen fühlen sich auch hier wohl. Ein vollkommen natürliches Ökosystem ohne menschlichen Eingriff ist essentiell wichtig für die Balance des gesamten Ökosystems Erde und um aus den natürlich ablaufenden Prozessen zu lernen und sie auf unsere bewirtschafteten Zonen zu übertragen. Daher haben wir als letzte Zone die Zone 5: den natürlichen Wald, ohne jeglichen menschlichen Einfluss, einfach sich selbst überlassen.

So sieht dann also unser Garten aus! Je nach Gebiet können natürlich nicht alle Zonen verwirklicht werden, nicht jeder hat den Platz in seinem Garten einen natürlichen Wald zu pflegen. Auch sind die Zonen nicht zwangsläufig explizit voneinander abgegrenzt, vor allem die Zonen 1 und 2 können gut vermischt werden, auch auf dem Feld können Obstbäume stehen und selbst im bewirtschafteten Wald kann noch Gemüse angebaut werden. Der Kreativität sind keine Grenzen besetzt, Hauptsache es entsteht ein funktionaler und ästhetischer Garten, der uns ernähren kann, uns Freude bereitet und die Natur schützt.

All‘ das lernten wir 10 Teilnehmer des Permakulturdesignkurses und setzten das Gelernte sofort in die Praxis um. Jeder von uns musste für eine ausgewählte Fläche eine sogenannte „Design Map“ erstellen, auf der die verschiedenen Zonen verzeichnet sind, Maßnahmen des Wasser- und Bodenmanagements integriert sind und die im Großen und Ganzen die Entwicklung eines funktional sinnvollen, diversen und ästhetischen Systems darstellt. Wir alle waren mit großem Eifer und Begeisterung dabei, erstellten schöne und interessante Karten und wurden nach einer teils aufgeregten Präsentationsrunde unserer Karten mit einem Zertifikat zu Permakultur-Expertinnen und -Experten ausgezeichnet.

So hat Daniel, ein Teilnehmer aus Uganda, der seit 3 Monaten in Malawi lebt, nun seinen eigenen Garten in einen Permakulturgarten verwandelt. Sinoya, einer unser Gärtner am Kusamala, Emily, eine Seidenraupen-Farmerin aus Kenia und ich haben das Gelände um unser neues Kusamala-Bürogebäude designt und fangen nun an Beete anzulegen und Bäume zu pflanzen. Bi, eine Afrika-Reisende, hat für einen Freund den Garten seines neuen Restaurants in Lilongwe permakulturmäßig und für den ökologischen Restaurantbetrieb passend gestaltet. Bright, ein small-scale farmer aus Mangochi hat sein Kohlfeld in ein diverses Feld verwandelt, in dem er nun auf Dünger und Pestizide verzichtet. Und Beauty, Charles, Phyllis und Karen, alle 4 Mitarbeiter des Kusamala-Projekts in Mangochi und Dedza haben ihr eigenes Land, das ihrer Großeltern oder den eigenen Hausgarten nach den Prinzipien der Permakultur gestaltet.

Die 12 Tage „Permakultur intensiv“ waren ein großer Erfolg. Nun ist es an uns, die Permakultur weiter zu verbreiten, noch mehr Menschen dafür zu begeistern und von ihrem Nutzen für Mensch und Umwelt zu überzeugen und zum Anlegen eines kleinen Permakulturgartens zu bringen. Denn was gibt es Schöneres als das frisch geerntete, ökologische Gemüse aus dem eigenen Garten zum Abendessen zu essen?

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